Die Vegetarier

(Sommer 2003)

“Wir sind fast da, von hier aus sind es noch etwa 10 Minuten zu Fuß, weiter kommen wir nicht mit dem Auto”, sagte der ältere der beiden Passagiere zum Fahrer. Zu seinem Begleiter gewandt sagte er “Tut mir leid, Peter, mit dem Gepäck ist das natürlich lästig, aber wir haben die Straße nie weiter ausbauen lassen. Sonst würden am Ende Autos bis hierher fahren und das ökologische Gleichgewicht stören.” Der Jüngere hielt das für extrem unwahrscheinlich. Die nächstgelegene menschliche Behausung hatten sie vor über einer Stunde passiert und die letzten 20 Kilometer hatten sie, illegaler Weise wie es ihm schien, auf Schleichpfaden durch den Wald zurückgelegt. Er lächelte seinen Onkel zustimmend an und stieg aus. Der Taxifahrer half ihnen das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen und es schien Peter als hoffe er auf eine Wegbeschreibung zurück in die Zivilisation. Aber die kam nicht und wohl zu stolz um zu fragen stieg er wieder ein um sich den Rückweg zu erarbeiten.
Sie sahen dem Taxi nach bis es verschwunden war. Es war beklemmend still. “Peter” sagte sein Onkel laut, oder zumindest erschien es laut, “es ist eine solche Freude dich endlich einmal bei uns begrüssen zu dürfen. Magdalena freut sich schon so auf dich. Sie redet seit Tagen von nichts anderem.”
“Ich…” Peter räusperte sich, denn der rauhe Klang seiner Stimme hatte ihn erschreckt, “freue mich auch, Bertram.” Sein Onkel lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. Dann ging er auf einen schmalen Trampelpfad im Dickicht zu. Peter folgte, seinen Koffer in der Hand. Ihm fiel auf, dass sein Onkel seinen Bart noch länger trug als früher. Auch schien er sein Haar in den letzten Jahren nicht geschnitten zu haben, er trug es in zwei Wikinger-zöpfen, oder eher Indianerzöpfen. Er hatte, wenn Peter sich recht besann, tatsächlich gewisse Ähnlichkeit mit Pierre Briece. Derartige Gedanken beschäftigten Peter, während Bertram schweigsam voranging, nur hin und wieder warnend auf einen besonders steilen Hang oder lose Steine hinwies. Er war daher nur wenig überrascht, als plötzlich Trommelgeräusche zu vernehmen waren. Das Spiel war von wenig anspruchsvoller Rhythmik, die Tonqualität von durchdringender Überzeugungskraft.
“Ah, Magdalena hat uns gesehen“ lächelte Bertram. Das Trommeln brach ab und etwas schrill Jodelndes kam auf sie zu, noch war es nur hör-, nicht sichtbar. In seinem Geiste sah Peter sich bereits Uschi Glas, die als Halbblut-Apanatschi auf einem stattlichen Rappen ihn willkommemzuheissen geritten kam, heß in die Arme schließen. Er gestand es sich nicht ganz ein, dass das Erscheinen Magdalenens in Gestalt eines blonden, etwas dicklichen Mädchens von 12 Jahren, ihn ein wenig enttäuschte. “Peter”krähte sie und die Wucht ihrer Umarmung mit Anlauf vom 10 Meter höher gelegenen Ende des Pfades kostete ihn beinah das Gleichgewicht, beinah…er konnte sich retten indem er seinen Koffer instinktiv nach vorne schleuderte ohne loszulassen. “Magdalena” sagte er als er sicher stand ”mein Schatz!” Er stellte den Koffer ab und drückte sie an sich.
Bertram stand etwas weiter oben und lächelte gerührt. Als sie sich ausreichend begrüsst hatten gingen sie den Rest des Weges zum Grundstück der Schmidts, wobei Magdalena unaufhörlich von irgendwelchen Tieren sprach, die Peter sich unbedingt ansehen müsse.
Es wäre falsch zu sagen, daß Peter Tiere hasste. Vielmehr hatte er einfach keinerlei Interesse an ihnen. Ausser als Nahrungsquelle. Was, wie sich bei einer Grundstücksführung am Abend herausstellte, ein weiteres Problem aufwarf. Magdalena war nach der Vorführung sämtlicher Hasen (sieben) und Schafe (fünf) bei den Pferden verblieben um sie zu füttern.
“Wir leben inzwischen streng vegan, also ohne jegliche tierische Produkte. Und alle unsere Lebensmittel stammen aus biodynamischen Anbau.”
Peter unterdrückte den Wutanfall, den das Wort “biodynamisch” für gewöhnlich bei ihm auslöste, denn er wollte seinen Onkel nicht verletzen.
“Tatsächlich“ sagte er nur.
“Oh ja, denn es ist viel gesünder und besser für alle. Ich muss mir keine Grausamkeit gegenüber unseren vierbeinigen Freunden und Mutter Natur vorwerfen.”
“Magdalena hat ziemlich zugenommen in den letzten Jahren” sagte Peter, ganz gegen seine höfliche Art. Die Erwähnung der vierbeinigen Freunde und Mutter Natur hatte erneute Gemütswallungen in ihm hervorgerufen, deren Sublimierung ihm schwerfiel.
“Ja”, sagte da Bertram etwas bekümmert. Es sei ihm nicht verborgen geblieben. Das müsse wohl die Pubertät sein.
Sie ließen das Thema auf sich beruhen und nachdem das Gelände gebürend bestaunt worden war, und in der Tat handelte es sich um 2 km2 exquisite Höhenlage, begab sich Peter auf sein einfaches Zimmer mit Naturfasertapete und Holzdielen.
Beim Abendessen war er angenehm und heiter, er hatte beschlossen, Fleisch nicht zu vermissen. Oder Käse. Oder Eier.
Es gab Kartoffeln mit gekochtem Weizen und gedämpftem Sauerampfer. Das Salz nicht zu vermissen fiel ihm schwerer, denn darauf war er mental nicht vorbereitet gewesen. Dennoch lobte er die Kochkünste des Onkels und aß mit Appetit.
Bald nach dem Abendessen ging man zu Bett, denn hier musste man früh aufstehen, wurde ihm erklärt.
“Warum?” fragte er und wollte eigentlich wissen wie sich Bertram finanziell verhalf.
“Mit den Hühnern ins Bett, mit dem Hahn wieder aus den Federn.” Bertram strahlte bei diesen Worten und zeigte zwei Reihen blendendweisser Zähne. Peter, der schlechte Zähne hatte, verwarf den Gedanken es könne sich um Zahnersatz handeln und begann stattdessen seine Verwandschaftsverhältnisse anzuzweifeln.
“Aber das gilt natürlich nur für uns” er legte einen Arm liebevoll um Magdalena, “du kannst natürlich noch tun was du willst…Allerdings ist die Solaranlage noch nicht soweit, dass sie auch nachts noch Strom abgibt. Wir haben dir Kerzen ans Bett gestellt.”
Peter dankte, verabschiedete sich und lag noch mehrere Stunden wach. Er fiel irgendwann in einen unruhigen Schlaf, aus dem das unverwechselbare Gesäusel einer Mücke ihn wieder und wieder weckte, ihn wiederholt aus dem Bett und auf die Suche sandte, vergeblich, denn die mangelhafte Kerzenbeleuchtung verhinderte jeglichen Todschlag. Er gedachte irritiert der Tierliebe seines Onkels und begann fiebrige Halbträume zu durchleben, in denen er Mücken in der Gestalt vierbeiniger Freunde als sechsbeinige Feinde enttarnte, an denen es Grausamkeiten zu verüben galt. Als der Hahn krähte, war Peter gerade zum wiederholten Male in einen leichten Schlaf gefallen. Er erwachte und als er Stimmen, Schritte und das Klappern von Tassen hörte, gab er den Schlaf endgültig auf. Er begann sich zu fragen, ob es nicht unvorsichtig gewesen sei seine Wohnung fur zwei Wochen unterzuvermieten. Dann wiederum war seines Wissens noch niemand an einem zweiwöchigen Land aufenthalt zu Schaden gekommen. Es würde ihm guttun. Jawohl. Erholt würde er sein, er würde Kraft gesammelt haben den Schrecken der Stadt zu trotzen.
Er tat bereits beim Frühstück aktiv etwas für seine Gesundheit. Statt am üblichen Espresso labte er sich hier an Kaffee aus handgemahlenen Eicheln. Er stellte fest, dass der bittere Geschmack des Suds auf nüchternen Magen eine äusserst belebende Wirkung hatte. Am nachmittag lag er von Koliken gepeinigt in seinem Zimmer. Ein dumpfer Halbschlaf körperlicher Resignation übermannte ihn schliesslich, er erwachte erst in den frühen Morgenstunden, niesend. Er bemerkte eine Anzahl von Katzen in seinem Bett.
“Katzen machen Menschen gesund!” strahlte Magdalena als er am Morgen zu ihnen stiess. Er vermochte trotz seines angegriffenen Zustandes unschuldig zu lächeln. “Hast du mir die Katzen gebracht?”
Magdalena nickte stolz.
Er verbrachte die nächsten Tage mit Tiere beobachten, Pflanzen beobachten, Nahrung vorsichtig beobachten und Magdalena zu entkommen, die wie eine Klette an ihm hing und mit der er ständig irgendwelche obskuren Lebewesen untersuchen musste. Er war sich klar, dass er ohne fremde Hilfe nicht würde entkommen können. Er hatte sich einmal, auf der Flucht vor Magdalena, testhalber zumindest bis zur Landstrasse vortasten wollen. Als Magdalena ihn nach 4 Stunden schliesslich fand, war er froh sie zu sehen. Absichtlich, der Erholung wegen nämlich, hatte er weder sein Handy noch sein Auto mitgenommen. Er war angewiesen auf seinen Onkel, der ihm versichert hatte, in 2 Wochen den Wagen zu spannen und in den Ort zu fahren von wo ein Bus ihn nach Fulda und von dort ein Zug ihn zuruck nach München bringen würde. Aber eine dunkle Vorahnung, die Peter aus der Gesamtheit der hiesigen Flora und Fauna entgegenwehte, sollte sich auf unangenehme Weise realisieren.
Als Peter vor dem Haus gerade versuchte mithilfe seiner Uhr und dem Stand der Sonne die Himmelsrichtungen zu Bestimmen stand vor ihm plötzlich ein Cowboy. Er blickte angestrengt. “Is de Bertram do?”artikulierte er schliesslich. Peter blickte auf die Pistole die der Cowboy im Gürtel trug und deutete nur wortlos auf den Eingang zum Haus. Ihm fiel plötzlich ein, dass Magdalena sich dort aufhielt. Aber war das nicht Schicksal? In diesem Moment kam Bertram aus dem Haus. Bertram erkannte den Fremden offenbar und stockte. Und was immer Peter erwartet hatte, es war nicht das Schauapiel das folgte.
Die Männer begannen zu jodeln, umkreisten sich einmal ohne sich aus den Augen zu verlieren, umarmten sich und schlugen einander mit rituell anmutenden und gleichzeitig ungeheuer primitiven High5 variationen auf Schulter und Wange.
“Volker”sagte Bertram schliesslich und nahm den Cowboy bei der Hand. “Bertram,”sagte dieser ”Mir ham gewoffe. Mer braache disch.”
Und obgleich die genaue Bedeutung dieser Worte sich Peter nicht gleich erschloss, ahnte er, dass sie nichts Gutes bedeuteten.
“Ja, Peter. Die haben drüben jetzt einen ganzen Haufen Ferkel. Und du verstehst sicher, dass ich ihn da nicht allein lassen kann. Sein Sohn ist erst 13 und völlig überfordert.“ Bertram schien nicht im Geringsten daran zu zweifeln, dass Peter die Situation ebenso sah. “Es ist ein wahres Glück für uns, dass du gerade hier bist….Nein, nein, nicht für die Ferkel, da wärst du keine grosse Hilfe, das merk ich, nix für ungut.
Aber wenn du ein Auge auf Magdalena haben könntest? “
Magdalena’s Begeisterung für diesen Vorschlag verhielt sich zu der Peters indirekt proportional. Für Bertram war die Sache bereits geklärt und nachdem er Peters Bedenken zerstreut und ihn auf die wichtigsten Dinge im Haushalt hingewiesen hatte, ritt er wenig später davon.
Für Magdalena war ein Traum wahr geworden. Sie liebte ihren Cousin abgöttisch. Zwar bemerkte sie, dass er sich oft seltsam verhielt und nicht sehr gut mit Tieren umgehen konnte. Sie erinnerte sich gut an lange philosophische Gespräche mit Bertram über die Stadtmenschen, deren Gefühle und Herzen abgestumpft waren gegenüber der Schönheit der Natur. Dem wirklichen Leben und der Mutter Erde entrückt, fürchteten sie die Natur und würden einst an und in ihrem Beton ersticken und elendig zugrunde gehen. Instinktiv erkannte sie, dass ein solches Schicksal auch auf Peter wartete, daher trieb es sie den Unglücklichen die schönen Dinge des Waldes lieben lehren, ein paar Tage mit ihm allein müssten genügen. Im Geiste hatte sie bereits eine Liste der schönsten Lichtungen der Gegend ergestellt, die besten Tümpel zum Lurche fangen und die besten Verstecke, Rehe zu beobachten. Im zarten Alter von 12 waren ihre Interessen an Peter rein ideeller Natur. Die Abwesenheit sexueller Begierde tat ihrer Leidenschaft jedoch keinen Abbruch.
Peters Gefühle für Magdalena waren ganz anderer Art. Er hatte den Säugling Magdalena als Jugendlicher im Kinderwagen spazieren gefahren. Damals lebten die Schmidts noch in München. Bertrams Lebensgefährtin war bei Magdalenas Geburt gestorben und die gesamte Verwandschaft hatte sich um das Kind gekümmert, wie im Fernsehen oder im Film. Es hatte ihm den Respekt der Mitschülerinnen und das Wohlwollen der Damen eingebracht mit dem Kind gesehen zu werden. Das in seine Obhut gegebene Kind erweckte den Eindruck früherreifer Potenz einerseits und Verantwortungsbewusstsein andererseits. Das hatte ihm grosses Vergnügen bereitet und viele sexuelle Erfolge beschert. Doch nun waren weder Frauen noch Damen anwesend und aus dem Kleinkind, damals liebevoll hässliches Entlein genannt, war ein unattraktives, unreflektiert tierliebendes, unkultiviertes, präpubertäres Mädchen geworden, das zu allem Überfluss auch noch sprach. Aufgrund des liebenden Vaters und der mangelnden Vergleichsmöglichkeiten hatte sie ein Selbstbewusstsein entwickelt das seinesgleichen suchte. Menschen mit unbegründet stabilem Selbstbewusstsein irritierten Peter noch mehr als die mit unbegründeten Selbstzweifeln.
Nichtsdestotrotz war in Peter eine Art Reformgeist erwacht. Eine seiner guten Eigenschaften war, dass er Dinge von der positiven Seite zu sehen vermochte. Möglicherweise war es durch höhere Vorsehungseine Aufgabe, dasarme, von 2 Jahren Waldorfschule und darauffolgenden 6 Jahren exklusiv- Erziehung durch Bertram geprägte Kind mit den Realitäten der Welt bekanntzumachen. Er war letztenendes der Grundüberzeugung, dass alle genetisch mit ihm verwandten Menschen belehrbar seien. Es war nicht Magdalenas Schuld, hätte sie eine Mutter gehabt wäre aus ihr sicher ein hübsches stilles Mädchen mit Ohrringen geworden.
So reformierten sich die beiden gegenseitig. Magdalena mit sehr viel dramatischeren Mitteln als Peter, denn wo sich dieser die Kritik der reinen Vernunft zu Nutze machte, benützte Magdalena die Welt als Anschauungsmaterial, ihre Welt. Und sie war geduldig, getrieben nicht von Rechthaberei, sondern von der ehrlichen Angst um ihres geliebten Peters unsterbliche Seele, die vom Leben in der Stadt getötet worden war.
So geschah es, dass Peter sich bereits bald sowohl am Ende seiner pädagogischen Fähigkeiten als auch seiner Geduld befand. Ein typischer Wortwechsel zwischen beiden verlief etwa so:
“Magdalena, bist du nie neugierig auf andere Kinder deines Alters? Ich meine, bist du nicht manchmal einsam?”
“Aber ich habe doch die Tiere und den Wald und manchmal besuchen wir Volker und Manu.”
“Ich meine, Kinder in der Stadt, Schule, Spiel, Kino….”
An dieser Stelle hatte Magdalena für gewöhnlich bereits das Interesse an der Disskussion verloren und begann entweder zu singen, zu tanzen oder rannte weg, mit den Worten “Nein, Peter, die Natur ist gut, komm, ich zeigs dir” Und er hatte sich angewöhnt zu kommen, denn sie liebte es auch sich zu verstecken und ihn dann hinterrücks anzufallen, wenn er nicht gleich folgte. Sein Schimpfen störte sie nicht im geringsten (sie hielt es für pädagogisch unerlässlich). Noch war er nicht genügend demoralisiert, dass er Gewalt angewandt hätte.
Allerdings ließ er seiner Irritierung am nächsten morgen freien Lauf. Magdalena schlief noch, er stand vor dem Haus und schleuderte Steine.
“Einer für Bertram…einer für Magdalena…einer für mich…einer für die Walddorfschule…” So fand er für jeden stein eine symbolische Bedeutung und es ging ihm mit jedem Stein, den er warf, ein wenig besser. Er lauschte dem Aufschlag, immer weiter, immer energischer warf er, immer grössere Brocken wählte er. Es war als würde er sich eine Last vom Herzen werfen. Als er einen Stein für den bayerischen Kultusminister besonders heftig schleuderte, stürzte mit furchtbarem Geschrei etwas vom Himmel und landete im Gebüsch. Er brach erschrocken ab und sah nach. Es war ein Fasan. Er hatte versehentlich einen Fasan erlegt, das Tier war noch am Leben aber schwer verwundet. Angst stand in den kleinen runden Vogelaugen. Erzögerte nur kurz. Dann nahm er einen grossen Stein und warf ihn mit aller Kraft dem Tier an den Kopf. Es verendete sofort. Es war besser so, für alle Beteiligten. Sie hatten fair gekämpft, Mensch gegen Tier. Peter begann zu ahnen wie ein Indianer sich fühlen musste, nachdem er den verehrten Büffel getötet hatte oder Captain Nemo bei Moby Dick. Er war stolz auf sich. Der Mensch hatte gesiegt.
Als Magdalena aufstand war das Frühstück bereits fertig. “Was ist das denn? Eintopf?” Peter zögerte ein wenig. “Ja” sagte er dann schlicht. Sie aßen. “So habe ich noch nie etwas geschmeckt…es schmeckt gut, aber so ganz anders…Was ist das für eine Pflanze?”
Es war nun der Punkt gekommen an dem Peter sein pädagogisches Anschauungsmaterial, da mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, näher hatte erklären wollen. Welcher Teufel in ihn fuhr oder warum er solchen böswilligen Übermut zeigte, wusste er selbst nicht. Mit trockener Mine sagte er: “Es ist Bertram, Magdalena. Dein Vater. Ich habe ihn am frühen Morgen versehentlich mit einem Stein tödlich verwundet. Sein letzter Wunsch war, dich zu nähren und immer bei dir zu sein. Was du gegessen hast war sein Fleisch, sein Blut…” Er unterbrach sich als er den entsetzlichen Ausdruck auf Magdalenens Gesicht gewahrte. Ihm fiel ein, dass sie keinerlei Konzept von Ironie hatte, von Zynismus, von Humor. Sie nahm was er sagte für bare Münze. Dann begann sie zu würgen und erbrach sich ein wenig auf ihren Teller. Dann sprang sie auf und lief hinter das Haus. Er folgte ihr, besorgt. “Magdalena, es tut mir leid, es stimmt gar nicht.” Er fand sie würgend hinter dem Haus. Sie erbrach sich nun schaumig, fast blutig, wie ihm schien. “Ich habe gelogen, Magdalena. Es war nur Fasan.” Magdalena, die einen Augenblick hoffnungsvoll innegehalten hatte, stiess einen Schrei des Entsetzens aus und erbrach sich aufs neue. Der Verzehr von Geflügel schien Kanibalismus an Schrecken in nichts nachzustehen. Sie erbrach sich eindeutig bedenklich heftig, roten Auswurfes, lautstark würgend, sie stiess Peter zurück als er sie berührte und sah ihn so fürchterlich an, dass er zurückwich. Er ahnte, dass er dieses Bild niemals würde vergessen könne. Er ahnte ausserdem, daß die Zeit zur Abreise gekommen war.
Als er seinen Koffer packte fiel ihm ein, dass Bertram bald zurück sein müsste. Er würde ihm schreiben.
Als er bereits mehrere Kilometer vom Anwesen entfernt war, südlich wie er hoffte, eine befahrene Straße zu finden, hörte er wieder das Trommeln. Dieses mal war es bedeutend schneller und es schien als gäbe es ein Echo, als hätten sich mehrere Trommeln von allen Seiten im Konzert geeint. Dann ertönte eine Art schrilles Jodeln. Es schien von allen Seiten beantwortet zu werden. Er beschleunigte seinen Schritt.