Der Flug

(Sommer 2005)

Die Frau quetscht sich zwischen den Mitgliedern einer beleibten, amerikanischen Familie durch, nur um einem nicht weniger beleibten koreanischen Ehepaar ins Gehege zu kommen. Diese sprechen sehr laut und gleichzeitig und auf die Stewardess ein. Offensichtlich sind sie der Ansicht, dass der Schrankkoffer, den siewohl als Handgepäck deklariert haben, ausgezeichnet vor einen der Notausgänge passt. Die Stewardess scheint anderer Ansicht. Die Stewardess gewinnt und irgendwann wird auch der Gang endlich frei. Inzwischen sitzen die meisten Passagiere. Ohne weitere Vorfälle erreicht die Frau Reihe 32 Sitz B. Die Frau sinkt erschöpft auf ihren Sitz und schließt sekundenlang die Augen. Dabei hält sie verkrampft ihre kleine Tasche. Die Tasche ist ungewöhnlich: blaues Leder, eckiges kleines Format aber genug Platz für ein Buch und Reisedokumente. Als sie die Augen wieder öffnet nimmt sie wirklich ein Buch aus ihrer Tasche, dann schiebt sie die Tasche unter den Vordersitz.
Das Buch ist “The Getaway” von Jim Thompson. Sie liest gerne Jim Thompson auf Flügen. Aber jetzt liest sie nicht, sondern macht die Augen noch einmal zu und konzentriert sich darauf, dass der Sitz neben ihr frei bleibt. Es funktioniert. Alle sitzen schon, es wird ruhig.
Aber jetzt kommt doch noch einer, ein Mann. Schreitet prüfenden Blickes den Gang entlang, zögert bei Reihe 31, (oh bitte, bitte, bitte) macht dann doch noch einen Schritt und schaut die Frau freundlich und auffordernd an. Sie steht nicht auf, sondern verdreht sich, damit er vorbei kann. (Er hat wenigstens nicht viel Gepack und er riecht nicht schrecklich nach Knoblauch.)
Der Mann dankt ihr und nimmt seinen Platz ein. Resigniert schließt die Frau schon wieder die Augen, denn sie ist bereits seit 13 Stunden unterwegs, das ist ihr Anschlussflug nach Tokyo.
Warum dauert es eigentlich immer so lange bis wir abfliegen? Warum müssen wir stundenlang angeschnallt dahocken und auf den Start warten? Das ist tote Zeit, Zeit in der man aufbruchbereit sein soll. Man kann sich weder entspannen, noch etwas Rechtes mit sich anfangen. Und man hat dennoch keinerlei Einfluss auf den Aufbruch.
Sie fliegt nicht gern. Und sie hätte gerne eine Reihe für sich allein gehabt. Sie legt den Arm auf die Armlehne. Aber der Mann liest Zeitung und bleibt auf seiner Seite und hat die Lehne gar nicht beansprucht. Sie hat eigentlich Glück gehabt mit ihm. Vielleicht ist er sogar nett. Im Moment nickt sie vor Aufregung und Müdigkeit erst einmal ein, nur ganz zart. Sie wacht auf als sich das Flugzeug endlich bewegt. 12:45 Uhr ist es jetzt, eigentlich hätten sie schon um11:55 Uhr fliegen sollen, aber so ist das irgendwie meistens. Am Ende sind die meisten Flüge dann doch pünktlich. Jetzt geht es los, das Flugzeug geht auf die startbahn. Die Frau fühlt wie sie ein bisschen im Sitz zurückgedrückt wird, das Flugzeug rattert und wackelt und wird immer schneller. Das Flugzeug hebt ab und wackelt und rattert weiter, jetzt in der Luft, das spürt man, weil es so nach unten hin zieht. Sie denkt an Sex, damit sie sich nochmal gut gefühlt hat, falls das ihr letztes Gefühl wird. Die Maschine wackelt weiter und die Passagiere sind alle sehr still. Los Angeles ist jetzt wahrscheinlich schon weit unter ihnen, vielleicht sind sie auch schon über dem Meer.
Woran wohl die anderen Passagiere denken? Es ist sehr andächtig wie im Gottesdienst. Die Frau jedenfalls denkt an den japanischen Schauspieler, den sie in Tokyo getroffen hat. Er war jung und grösser als sie und höflich. In ihrem Kopf ist er aber gerade gar nicht höflich und das gefällt ihr. Das Flugzeug bewegt sich auf und ab und hin und her. Der Japaner im Kopf auch, und die Frau gleich mit. Im eigenen Geist.
Jetzt stehen die Stewardessen wieder auf und fangen an die Getränke in der Küche vorzubereiten. Man spürt ein allgemeines Aufatmen und dann spricht auch der Pilot und sagt beruhigendes über das Wetter und den Flug. Eigentlich klingt was er sagt eher beunruhigend, aber er ist Amerikaner und spricht sehr amerikanisch und vertrauenserweckend. Und er sagt die Turbulenzen haben den Vorteil dass das Flugzeug schneller fliegt und in die richtige Richtung und man soll eben angeschnallt sein wenn man sitzt. “Thank you for flying NWA”. Das hieß früher "Niggers With Attitude", jetzt ist es eine Airline. Die Frau ist jetzt abgelenkt von ihrem Japaner, das ist eigentlich schade, aber der Flug ist ja noch lang. Und jetzt kommen die Getranke, das ist das entgültige Zeichen, dass die schreckliche Startgefahr gebannt ist und man sich entspannen darf. Es geht ein allgemeines Aufleben durch das Flugzeug.
Tomatensaft will die Frau. Sie bekommt ihn auch. Nichts will der Mann neben ihr. Die Frau freut sich, denn dann will er vielleicht auch nicht vorbei zur Toilette während sie schläft oder isst oder an den Japaner denkt.
Die Frau liest jetzt erst einmal in ihrem Buch. Da spürt sie, dass der Mann sie anschaut. Sie will erst nicht, aber wie im Zwang schaut sie doch zu ihm hin. Er lächelt und sagt: Eines der deprimierendsten Bücher die ich je gelesen habe.
Die Frau weiss gerade nicht wie sie reagieren soll, weil der Mann plötzlich so grüne Augen hat und so lächelt, dass das Abweisende schwerfällt. “Ja” sagt sie nur. Sie wendet sich fast schon ab, aber dann sagt sie doch noch. “Aber es ist gute Fluglektüre” was eigentlich stimmt und dann doch wieder gar nicht und der Mann erkennt das sofort und lacht.
Jetzt wenden sie sich wieder voneinander ab, aber die Fronten sind jetzt geklärt. Sollte der Mann später zur Toilette wollen wird sie ihn freiwillig vorbeilassen.
Die Frau liest ein wenig, dabei schläft sie ein bisschen ein, denn sie hat seit New York nicht mehr geschlafen und vorher auch nicht sehr gut. Dann kommt das Essen, die Frau nimmt Schwein mit Reis. Der Mann auch. Es schmeckt nicht sehr gut, aber immerhin steril.
Noch bevor die Tablets abgeräumt werden schiebt sich die Frau unter ihrem Tischchen durch und eilt zur Toilette. Sie will sich die Zähne putzen. Aber den Gedanken hatten schon andere, sie muss warten. Wahrscheinlich rauchen die auf der Toilette, denkt die Frau.
In der letzten Reihe sprechen zwei Menschen miteinander, ein älterer Herr mit Brille und weissem Bart und eine Frau die erst auf den zweiten Blick auch eine ältere ist. Die nickt freundlich und lächelt und der Mann sagt gerade er sei auf dem Weg einen alten Freund in Tokyo zu besuchen. Er sei vor langer Zeit schon einmal in Japan gewesen mit dem Freund und der sei dort geblieben. Der Mann sagt er sei Arzt und sein Freund auch. Warum er dann nicht erste Klasse fliege fragt seine Nachbarin.
Jetzt wird die Toilette frei und die Frau kann sich die Zähne putzen. Es riecht nach Rauch, das ist scheusslich. Aber es freut sie, dass ein Arzt dabei ist auf dem Flug.
Die Seife riecht nicht sehr gut.
Sie wartet hinten bis die Stewardessen die Tablets abgeräumt haben. Sie findet es peinlich wenn ihretwegen die Abräumaktion unterbrochen wird. Es geht langsam. Andere Leute finden es nicht peinlich die Stewardessen aufzuhalten. Draussen ist das Meer unter ihnen und schwarz. Drinnen sind fast alle Plätze besetzt. Was wollen all diese Leute in Tokyo? Ob sie noch weiter fliegen? Immerhin wenig Kinder.
Die Gänge sind wieder frei, die Frau geht zu ihrem Platzt und es sind immer noch 8 Stunden Flug.
Damit die Zeit bis zur Ankunft strukturiert bleibt wird ein Film gezeigt, The Last Samurai mit Tom Cruise. Daran hat die Frau kein Interesse und versucht eine bequeme Stellung in ihrem Sitz zu finden, sie will wieder an den Japaner denken. Sie deckt sich zu. Sie sieht zu dem Mann hinüber, der schreibt in ein Notizbuch. Er sieht wirklich nett aus, denkt die Frau. Aber sie denkt lieber an den Japaner, denn der ist gerade nicht da und das hat Vorteile. Sie kann mit ihm machen was sie will.
Das Flugzeug fliegt weiter, mit günstigem Rückenwind. In Hawai sieht vielleicht gerade jemand nach oben, der könnte es sehen. Als der Film zuende ist wackelt das Flugzeug eine Weile. Vielleicht verbrennt sich dabei einer der koreanischen Toilettenraucher die Hand oder mehr.
Die Stunden vergehen mit einem weiteren Film und Getränken. Die Frau schaut auf die Uhr und es sind immer noch über 4 Stunden. Wie langsam die Zeit manchmal vergeht. Der zweite Film ist ein Japanischer. Mitten im Film wackelt das Flugzeug noch mal sehr heftig, wirklich heftig. Für einen Moment ist es, als hüpfe die Maschine durch die Luft. Vor den Fenstern wird es hell. Aber gleich ist alles wieder vorbei.
Alles wie vorher. Die Frau war erschrocken von dem Gewackel, jetzt sitzt sie noch ganz angespannt. Hat nicht eine Veränderung der Kabine stattgefunden zu haben. Ist es nicht seltsam still? Sind nicht die Farben lebendiger? Blicken nicht die Stewardessen verwundert?
Aber draussen ist es doch nicht hell, sondern dunkel und alles geht weiter wie im Servicefaltblatt beschrieben. Und auch der Mann denkt sich, dass wohl alles in Ordnung ist. Er schreibt weiter in seinem Notizbuch. Er schreibt einen Brief an seine Frau, die jetzt seine Ex-Frau ist. Er schreibt schon seit vielen Wochen Briefe an seine Ex-Frau. Bisher hat er noch keinen abgeschickt. Diesmal ist der Brief eine Entschuldigung. Aber er kommt nicht voran.
Es gibt wieder Essen. Die Frau wählt Huhn. Der Mann nichts. Nur Kaffee bitte. Das Flugzeug scheint schneller zu fliegen als vorher und ruhiger. Das muss der Rückenwind sein. Bald sind sie in Tokyo. Noch zwei Stunden vielleicht. Die Frau schaut auf die Uhr, aber die Uhr ist kaputt und steht und behauptet es seien immer noch 4 Stunden. Sie geht noch einmal zur Toilette, wieder muss sie warten. Der Arzt und die ältere Junge schlafen beide.
Sie putzt sich die Zaehne. Ihr Zahnfleisch ist ganz empfindlich, als sei es plötzlich entzuendet. Sie schmeckt Blut. Aber im Spiegel ist kein Blut zu sehen. Im Spiegel sind aber ihre Wangen gerötet. Das kommt wohl von der Hitze. Vorhin war es zu heiss, aber jetzt ist es wieder kühl. Als sie zu ihrem Sitz geht sieht sie, dass der Arzt gar nicht schläft, er hat die Augen aber fast geschlossen und täumt vielleicht vor sich hin. Sein Mund ist auch leicht geöffnet und es rinnt ein wenig Speichel. Und seine Nachbarin?
Es geht sie nichts an. Sie geht zu ihrem Platz zurück und alle Passagiere scheinen rosiger zu sein als zu Beginn des Fluges. Jetzt sind sie sicher bald da, aber warum ist es draussen noch so dunkel? Und dann geschiet etwas, das nicht passieren dürfte. Es läuft noch einmal ein Film und ES IST WIEDER “DER LETZTE SAMURAI”.
Das kann nicht sein. Eine Stewardess eilt vorbei. Eine Japanerin, aber auch sie ist rosig im Gesicht. Sind wir bald da? Wir müssten doch bald da sein? Die Augen der Japanerin glänzen. Ja, sagt sie, bald. Warum wird noch einmal der erste Film gezeigt? Da sagt sie nichts, sie lächelt ein eingefrorenes lächeln in einem sehr heißen glänzenden Gesicht.
Ich komme gleich nochmal, sagt sie und eilt vorbei.
Der Mann sieht zur Frau hin und sagt ich mag Tom Cruise auch nicht. Die Frau dreht sich zu ihm hin und sie sehen sich zum ersten mal direkt an, jeder dem anderen in die Augen. Und da merkt die Frau wie ähnlich sie sich doch sind und welch ein Glück sie hat, dass dieser Mann neben ihr sitzt. Und der Mann freut sich auch und er kann sich in den braunen Augen der Frau spiegeln. Besonders im linken, denn da ist die Pupille etwas größer. Er starrt ihr also in die braunen Augen und bewegt den Kopf leicht hin und her und findet die Reflektion ungeheuer reizend. Er versteht plötzlich, dass er seiner Exfrau keinen Brief mehr schreiben muss, dass alles vergangen ist und gar nicht mehr wichtig. Er fühlt sich plötzlich ganz leicht und es kitzelt ihn in der Brust als müsste er lachen.
Die Frau spürt wie der Mann sich in ihren Blick hineinlegt und sich suhlt und es kribbelt ihr im Kopf, erst zart und dann stärker. Es schwillt ihr das Herz vor Entzücken. Fast wäre es unerträglich schön.
Jetzt kommt die Stewardess wieder. Sie sagt “Machen Sie sich keine Sorgen” Sorgen machen sich die beiden ohnehin nicht im Gegenteil. Es ist ja nur Tom Cruise. Und die lustige Röte im Gesicht der Stewardess ist auch sehr beschwichtigend. “Wir werden etwas später ankommen, denn wir sind vorhin wohl vom Kurs abgekommen”.
Jetzt geht die Stewardess wieder. Da fällt der Frau ihre kaputte Uhr ein und wortlos machen die beiden einen Uhren Vergleich. Und siehe da: Beide Uhren zeigen die gleiche Uhrzeit, sind zum gleichen Zeitpunkt stehengeblieben. Warte, sagt der Mann. Sie sehen sich die Uhren noch einmal genauer an und siehe da: die Zeiger bewegen sich doch! Aber unendlich langsam, so langsam, dass der ganze Tom Cruise film gerade mal 10 Sekunden dauert. Na das ist doch allerhand. Sie schauen sich wieder an und merken, dass das Flugzeug immer höher steigt. Gleich muss ich lachen, denkt die Frau, gleich halte ich das nicht mehr aus. Der Mann ist so selig, er möchte schreien. Um sie herum ist es still, aber man spürt: es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Ein jeder Passagier ist erfasst von dem grossen Glück in diesem Moment hier zu sein, gleich wird ein Jubel losbrechen. Die Frau und der Mann sehen sich immer noch an und endlich, endlich kann die Frau jemandem völlig vertrauen. Endlich kann sie jemandem das Wesentliche erzählen. Dieser Mann erfährt jetzt wie sie als Kind im Stehen den Wolken nachsah. Stundenlang. Wie sie dabeirückwärts umfiel und wie es der einzige wahre Moment ihres Lebens gewesen war. Bis jetzt. Das alles saugt der Mann aus ihrem Blick. Und der Mann projeziert jetzt sein Bild in ihre Augen und gibt ihr alles was in ihm ist und wird ganz leer und leicht. Jetzt ist er nur noch eine Hülle. Das Flugzeug fliegt immer noch höher und höher und mit zunehmender Höhe nimmt auch das Kitzeln in der Brust und im Kopf der Passagiere zu, lange können sie ihren Jubel nicht mehr verhalten.
Das wissen wohl auch die Stewardessen, denn jetzt kommen sie mit lustigen Westen verkleidet und schwingen Taschenlampen wie Dirigierstäbe. Denn es ist dunkel im Flugzeug, sogar der Bildschirm ist jetzt dunkel. Aber das innere Leuchten der Passagiere macht Licht überfluessig. Jetzt gibt die Oberstewardess den Auftakt und der Jubel geht los, gerade noch rechtzeitig, denn die Frau wäre an ihrem Gefühl fast erstickt. Sie lacht sich jetzt frei und bricht in den allgemeinen Jubel ein, das Flugzeug schallt laut von so vielen internationalen Stimmen, jetzt in nie gehörter Harmonie vereint.
Die Frau und der Mann jubeln sich an und sind so glücklich beisammen zu sein. Der Mann bekommt davon schon ganz rote Augen sieht die Frau.
Wie immer, wenn es am schönsten ist, muss es auch hier plötzlich aufhören. Mitten im schönsten Jubel merken alle: Das Flugzeug sinkt wieder. Eine allgemeine Enttäuschung ist zu spüren. Die Stewardess fuchtelt immer noch mit der Taschenlampe, aber der große Moment ist vorbei. Der Jubel geht in Murren über. Der Frau fällt ein Lied ein: Von nun an gings bergab. Aber sie hat leider keine Zeit es dem Mann vorzusingen. Denn plötzlich geht ihre Uhr wieder und zwar schneller denn je, als wolle sie die vorhin vertrödelte Zeit aufholen. Und auch das Fugzeug will offenbar aufholen, denn es rast plötzlich mit ungeahnter Geschwindigkeit dem Erdboden zu. Hoffentlich auf Tokyo, denkt die Frau. Jetzt kommt ein Schmerz, der Schmerz ist in den Ohren und in der Stirn. Als müse der Schädel zerspringen. Die Passagiere schreien und winden sich, nur der Arzt denkt sachlich “Barotrauma”. Dann verliert auch er das Bewusstsein. Der letzte der noch klar denken kann ist der Mann und kurz bevor auch er geht bemerkt er wie blutig der Brief geworden ist.