conartists
Gerade eben als ich nach Hause kam und gerade das Tor aufschloss rief es von hinten:
"Entschuldigen Sie" und dieses hinterrücks ge-"entschuldigen Sie", wenn man gerade aufsperrt und eine Barriere zwischen sich und das Draussen setzten will, das nervt mich eigentlich sofort.
Es war ein Mann um die 50, angeblich Anwalt, angeblich ohne Telefonkarte, angeblich gerade einen Autounfall gehabt "und jetzt am Sonntag" erreicht man ja keinen. Und aus Hamburg sei er, morgen habe er ein Verfahren hier, sei schon heute gefahren, dabei habe man ihn gewarnt. Es wurde mir schon sehr langweilig und ich fragte, was er wolle.
"Notruf" tätigen, ob ich helfen könne.
Nun gut, nachdem ich in den letzten 10 Jahren (mindestens) solchen Dingen nicht den mindesten Glauben geschenkt hatte, beschloss ich aber heute so unvoreingenommen wie möglich zu sein und reichte ihm mein Handy.
Das nütze ihm nichts er müsse zurückrufbar sein. 50 Cent brauche er.
Vor einigen Monaten hatte ich ungefähr diese Situation schon einmal. Und an dem Punkt, wo jemand, der Anwalt oder Geschäftsmann ist "kein Kleingeld" hat, kein Handy hat, Probleme mit der Telefonkarte und der EC-Karte hat und für einen dringenden Anruf jemanden wie mich um 50 Cent bittet schalte ich eigentlich automatisch ab. Also sagte ich beim letzten Mal einfach "Nein, tut mir leid", weil es mir zu blöd war. Diesmal war es mir auch zu blöd, aber ich gab ihm 20 Cent und er zog ab. Man hätte noch die diversen Möglichkeiten der Hilfebeschaffung (diverse Restaurants und Kioske überall für Geldwechsel und Telefone, EC Automaten, Notruf, etc.) erörtern können.
Aber Zeit ist ja auch Geld. Und wer weiss. Es besteht sicher eine Chance von ca 3%, dass er die Wahrheit gesagt hat.
Als ich in San Francisco lebte gab es ungefähr 18000 Obdachlose, die alle auf unterschiedliche Art und Weisen bettelten oder logen und betrogen. Wenn ich gut drauf war gab ich denen, die unterhaltsam waren (ein guter Rap zum Thema oder eine gute Geschichte) ein paar cent.
War ich schlecht drauf nicht. Meistens nicht, weil es einfach nervt nach einer Weile. Und teilweise hab ich besonders nervige so zur Sau gemacht, dass sie tatsächlich abzogen und sich mein Gesicht merkten und nie wieder fragten. Da waren es nur noch 17.993.
In NY passierte das seltener, die Obdachlosen waren zu fertig um noch gross Energie in die Geldbeschaffung zu stecken. Ausser ein paar ganz jungen, die Wohl irgendein romantisches Ziel verfolgen.
Es gab und gibt aber einen, der jeden Tag durch Downtown rennt und einfach jeden nach einem Quarter fragt. Also wirklich jeden.
Ein nicht schlecht aussehender Mann Mitte 30. Er fragte mich ein paar mal zu oft und diese Routine stößt bei mir immer auf grosse Missbilligung. Eines Nachmittags lief ich ihm nach. Die Reise ging quer durch downtown, Strasse auf, Strasse ab, in Restaurants hinein, in Getümmel hinein und wieder raus.
Was ich extrem beeindruckend fand war, dass relativ viele ihm ganz automatisch 25 Cent geben. Muss gute Erziehung sein oder sowas.
"Do you have a Quarter?" und schon kramen die meisten in der Tasche.
Ich reagiere wie gesagt sehr schlecht auf "panhandler and conartists", besonders weil sie undifferenziert vorgehen. Keine gute Sportart, habe ich beschlossen.

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