Beratung
Wenn man mal im Ausland gelebt hat ist man schon manchmal überrascht, wie anders vieles in Deutschland gehandelt wird. Also ganz alltägliche Dinge meine ich jetzt. Zum Beispiel ist das Einkaufserlebnis hierzulande ein ganz anderes. In den USA oder den Industrieländern Asiens, da setzt der Verkäufer alles daran dem Kunden ein Gefühl des Gut-Aufgehoben-Seins zu geben. Noch im gammeligsten Jeansladen berät der völlig unterbezahlte Angestellte den Hoseninteressenten aufs fachmännischste, schleppt alternative Schnitte, Farben und Preislagen herbei und bietet eine qualifizierte Meinung an, die der des Kunden jedoch letztendlich untergeordnet ist. Ganz anders in Deutschland, wo mich eigentlich schon beim Betreten eines Ladens Schuldgefühle überkommen, weil ich deutlich die Misgunst des Personals spüre: DIE kann einkaufen während ICH arbeite. Dazu will ich hier mal anmerken: Ja, aber nicht mehr lange.
Vor ein paar Jahren, frisch aus den USA eingereist, wollte ich auch mal eine Jeans kaufen und stellte einem schlechtgelaunten Verkäufer irgendeine Frage bezüglich der Größe oder so, er riet: "Es is doch bloß e Hose! Wolle se die jetz kaafe oder nit?" Andererseits ist diese Verkaufsmethode vielleicht doch die effektivere, denn ich war sehr eingeschüchtert und kaufte schleunigst und ohne weitere Hinterfragung.
Allerdings ist das schon eine Weile her, auch in Deutschland wird Kunderbetreuung jetzt grösser geschrieben. Beziehungsweise, irgend jemand hat dem Personal wohl erklärt sie seien jetzt Sales Representatives und sollten doch bitte bei Kundenfragen eine beratende Haltung einnehmen. Und man bemüht sich ja.
Ich weiss nicht was der Rest Deutschlands so macht, Aschaffenburg ist jedenfalls vom Espresso-Fieber ergriffen. Diese Ecke bei Steingasse und Herstallstraße, an der es früher Rechen und Wanderstiefel gab, da sind jetzt ungefähr ein Dutzend Italienische Cafes, also Little Italy ist nichts dagegen. Auch Media Markt verkauft inzwischen hauptsächlich Espresso Maschinen, wie ich bei meinem letzten Versuch einen Festspeicher zu kaufen feststellen musste.
Ich bin ja leicht zu beeinflussen und fand mich bald darauf im Kaufhof Espressomaschinen kontemplativ betrachen. Es gibt vollautomatische für etwa 500-1000 Euro. Und es gibt andere für etwa 50-100 Euro, dazwischen fast gar nichts. Und es gibt noch solche mit "Pads" aber die interessieren mich nicht. Mein Auge fällt auf ein einfaches, jedoch solide wirkendes Model für etwa 60 Euro. Es unterscheidet sich optisch vom Model für 599 Euro nur geringfügigst. Ein Verkäufer wandelt umher. Ich beschließe nachzufragen.
J: "Entschuldigung, was ist denn der Unterschied zwischen den Espresso Maschinen hier?"
V: "Was?"
J: "Ich meine, der Preisunterschied ist ja beträchtlich, wie erklärt sich denn das?"
V: "Ah ja, des son unterschiedlische Marke."
J: "Aha. Aber qualitativ würden Sie sagen die Maschinen sind vergleichbar?"
V: blickt fachmännisch)"Also, isch sachemol so: Die hier (zeigt auf die Billige) die is von der Firma Severin. Sie ham vielleischt noch nie was von der Firma Severin gehört."
J: Bejaht dies
V: "Die mache viele technische Geräte." (Blickt triumphierend)
Irgendwie hinterließ diese recht ausführliche Erläuterung noch immer eine gewisse Unklarheit in mir und ich entzog mich der Enscheidung mit der Bemerkung ich würde es mir nochmal überlegen.
Aber die Sache am SPD Stand war doch überraschend. Das sind ja quasi auch Verkäufer, aber solche, die die Ware auch hinter der Ware stehen! Zumindest standen sie hinter einem Tischchen auf dem es SPD Einkaufswagen Tokens gab, was der ausschlaggebende Grund für meinen Besuch war, ich gebs ja zu. Aber während ich meinen Token einzog fragte ich auch mal nach der Bürgerversicherung. "Bist du Schülerin oder Studentin?" kam die Frage. Entweder keiner außer Schülern und Studenten unter 25 geht zum SPD Stand, oder jeder potentielle Genosse wird erst einmal geduzt, oder ich wirke sehr unreif. Wahrscheinlich letzteres. Ich erklärte jedenfalls mal meinen Fall und die ausweglose Versicherungslosigkeit. Und erwartete, dass mir jetzt Versprechen gemacht und ich zum SPD wählen angehalten würde.
Aber der Mensch sah mich nur sehr skeptisch an, während er versuchte einen Ballon an einem Stäbchen zu befestigen. Von einem solchen Fall habe er noch nie gehört.
Hm. "Ja würde mir die Bürgerversicherung denn da helfen?"
Skeptisches und schweigendes Ballongefummele.
Ich verlor ein wenig die Geduld: "Soll ich denn nun SPD wählen?" Der Mensch blickte nachdenklich und meinte: "Naja, sagen wir mal so, du bist ja jetzt nicht unbedingt die klassische konservative Wählerin."
Was wollte er mir damit sagen? Geh zum PDS stand nebenan?
"Ich gebe zu, ich bin sicher keine Mehrheit." "Das mein ich nicht, aber der klassische Wähler bist du halt auch nicht."
Wahrscheinlich wollen die nicht mehr gewählt werden. Kann ich verstehen, ich würde das Land im Moment auch nicht haben wollen. Ich musste aber das Gespräch an dieser Stelle abbrechen, denn ich wurde plötzlich sehr müde. Glücklicherweise war Little Italy ganz in der Nähe. Wenn man die Gesamtheit der Umstände betrachtet ergibt alles doch irgendwie wieder Sinn. Welch ein Wort zum Sonntag.

2 Comments:
Ich danke Dir für Deine sooooooooooo herzerfrischenden Kommentare. Bitte mehr...
Kennst Du schon die Steigerung der Servicewüste Deutschland? Dann komm mal nach Südniedersachsen bzw. lass es lieber.
Südniedersachsen, wie exotisch:-) *macht mentale Notiz*. Aber ich stehe Deutschland ja sehr viel gelassener gegenüber seit ich mal in Belgien war.....
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